Jetzt gilt sie also auch in Deutschland: die Pflicht in bestimmten öffentlichen Räumen einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen in der Hoffnung, damit die Ausbreitung von SARS-CoV 2 zu verlangsamen. Aus dem Vermummungsverbot ist ein Vermummungsgebot geworden. Ich sehe dem mit Bangigkeit entgegen: Ist es in der zwischenmenschlichen Kommunikation nicht schon schwer genug unverhüllte Gesichter zu lesen, wie vielmehr, wenn nur noch große Augen einander über Masken anschauen, seien sie nun medizinisch anmutend oder modisch aufgepeppt?! Wie wird sich die Wahrnehmung meines Gegenübers verändern, wenn es so verhüllt ist? Werde ich im Antlitz meines Gegenübers immer noch Gottes Antlitz erkennen, so wie Jakob bei ihrer Wiederbegegnung am Jabbok die Gottheit im Angesicht seines Bruders Esau gesehen hat (1. Mo 33, 10b)?
In der katholischen Kirche gibt es eine Tradition, in der Fasten-/Passionszeit das Kreuz zu verhüllen, die im Laufe der Geschichte verschiedene Ausprägungen angenommen hat und 1976 in Form des sogn. Hungertuchs wieder aufgenommen und inzwischen auch von manchen evangelischen Kirchen übernommen wurde. Das Hungertuch, das seinen Namen vom entbehrungsreichen Buß-Fasten in der vorösterlichen Zeit hat, verhüllt die im Altarraum befindliche Kreuzesdarstellung, manchmal sogar den ganzen Chorraum, so dass die Gemeinde dem Gottesdienst nur hörend folgen kann. Ein Anknüpfungspunkt dieser Tradition ist der Vorhang im Tempel in Jerusalem, der das Allerheiligste einschloss, das velum templi.

Sowohl der Vorhang des Allerheiligsten des Tempels, in dem die Gottheit anwesend geglaubt wurde, als auch das Hungertuch, das den Blick auf die Heilsdarstellung des Kreuzes und evtl. sogar auf die Vergegenwärtigungsfeier der Eucharistie verstellt, beide verhüllen Gottes Gegenwart für den Menschen.
Auch in den in der Bibel beschriebenen Begegnungen von Gott und Mensch verhüllt sich entweder die Gottheit oder der Mensch, „denn kein  Mensch, der mir ins Gesicht sieht, würde am Leben bleiben (2. Mo 33, 20)“: Mose am brennenden Dornbusch (2. Mo 3,6) oder nach der Übergabe des Gesetz es am Sinai (2. Mo 33, 21-23), am Horeb, wo Elija Gott begegnet (1. Kön 19,13), oder bei der Berufung Jesajas (Jes 6). Auf dem Berg Tabor (Mt 17,1-9) oder bei den Jüngern in Emmaus (Lk 24,13-25). Die Offenbarungsgestalt Gottes ist die verhüllte Enthüllung. (1) Die Verhüllung der Gottespräsenz fühlt sich oft an wie ihre Abwesenheit. Aber sie ist eineChance, unsere Sinne für ihre Gegenwartzu schärfen. Das Fasten der Augen, zu denen der Tempelvorhang und das Hungertuch zwingen, steigert unsere Empfänglichkeit für andere Eindrücke, z.B. akustische: Gott (zu)hören, den Menschen (zu)hören. Aber auch das Sehen kann neu erlebt werden: Als Hinsehen auf das, was nicht gesehen werden kann, als Neu-Sehen dessen, was verborgen ist. (2) Die Farbe für eine solche erneuerte Sinneswahrnehmung ist das Blau des Vertrauens: „Heute erkenne ich [Gott, dich, mich] bruchstückhaft, dann aber werde ich [Gott, dich, mich] erkennen, wie ich [wie du] von Gott erkannt bin [bist] (1. Kor 13,12b).“
Ich suche in der Verschiedenartigkeit und Farbigkeit der Mund-Nasen-Schutzmasken das Gottesblau.
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Judith Rohde   24.04.2020

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(1) Alois Kowald: Theologie der Verhüllung. In: Amt für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation der Diözese Graz-Seckau (Hrg.): Aktion Glaube: verhüllen – enthüllen  – entdecken: Lese- und Dokumentationsbuch der österreichweiten Aktion zum “Jahr des Glaubens” 2012/2013 . Verlag Diözese Graz – Seckau, Amt für  Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation, 2013, S. 60

(2) Abt Friedhem Tissen: Osterrundbrief 2011 Benediktinerabtei Kornelimünster https://abtei-kornelimuenster.de/aktuell/rundbrief/rundbrief-ostern-2011.html (24.4.2020)

 

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