Wenn ich einem fremden Menschen begegne, dann entscheidet oft der erste Eindruck darüber, was ich vom anderen denke. Hautfarbe, Sprache und damit vermutete Herkunft, Kleidung, Auftreten – auf dieser Grundlage versehe ich den anderen im Geiste schnell mit einem Etikett und stemple ihn damit oft ab. Ich aktiviere meine Vorurteile und wende sie auf den anderen an. Unbewusst und ohne dass ich dem anderen überhaupt wirklich begegnet bin.

Abgestempelt werden Menschen schon in der Bibel. Wer beispielsweise im Alten Testament das Etikett „Moabiter“ bekommt, der hat von Anfang an schlechte Karten. Weil die Moabiter, die nächsten Nachbarn Israels, das auserwählte Volk nicht unterstützt haben – deshalb sind sie auf ewig die Erzfeinde. Kein Moabiter darf in das Volk Gottes aufgenommen werden – so scharf formuliert es das Buch Deuteronomium (Deuteronomium 23,4–5).

Vor diesem Hintergrund überrascht es, dass die Titelheldin des leider wenig bekannten alttestamentlichen Buches Rut eine Moabiterin ist. Als solche ist sie eigentlich grundsätzlich ausgeschlossen vom Gottesvolk. Eigentlich – wenn ich mich von Vorurteilen und stereotyper Etikettierung leiten lasse. Nicht, wenn ich den einzelnen Menschen in den Blick nehme und als Person würdige.

Genau dafür plädiert das Buch Rut. Es präsentiert Rut als mutige und tatkräftige Frau. Sie ist Witwe und damit hinsichtlich ihrer eigenen Versorgung in einer schwierigen Lage. Dennoch kümmert sie sich nicht in erster Linie um sich selbst. Sie hält vielmehr solidarisch zu ihrer ebenfalls verwitweten Schwiegermutter Noomi, die zum Gottesvolk gehört. „Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott … – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ (Rut 1,16) – mit diesem Schwur bindet sich Rut auf Gedeih und Verderb an ihre Schwiegermutter. Und während diese resigniert aufgibt, sorgt Rut engagiert für beide Frauen: Rut sichert das Überleben und meistert die existenzielle Notlage. Es ist als ob Gott durch sie handelt. Göttlicher Segen verwirklicht sich im Buch Rut durch Menschen – allen voran durch Rut. Und das, obwohl sie eine Moabiterin ist. Oder vielleicht gerade deshalb.

Wenn ich heute im Alltag einem fremden Menschen begegne und ihn vorschnell abstempeln will, dann mahnt mich Rut: „Lass dich nicht von Vorurteilen leiten. Gib dem anderen eine Chance. Vielleicht begegnet dir Gott gerade in ihr oder ihm.“