Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) erbte zu seiner Konfirmation die Bibel seines 1918 an einer Kriegsverwundung verstorbenen älteren Bruders Walter aus den Händen der Mutter Paula Bonhoeffer. Zwei Widmungen für Walter sind unverändert auf Dietrich übertragen worden.

Bonhoeffers Bibel

Dietrich Bonhoeffers Konfirmationsbibel

Unserem lieben Sohn Walter an seinem Einsegnungstage von seiner Mutter.

Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig!

2. Cor. 3,6

So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung!

Römer 13,10

„Geist“ und „Liebe“ sind die einerseits christlich-theologisch, andererseits bildungsbürgerlich zu verstehenden Hauptbegriffe in den biblischen Voten, von der Mutter den Söhnen zugedacht als Lebensmotto.

Dieses beides zugleich nenne ich Bonhoeffers „Aspektivität“ im Denken: Er sah den „polyphonen“ Dingen der „Wirklichkeit“ auf den letztlich in Jesus Christus gegebenen Grund. Darum konnte er scheinbar widersprüchliche Aspekte einer Sache oder Angelegenheit zugleich erkennen. Das Theologische stand allerdings in kritischer Spannung etwa zu „Bildung”. Hierzu gehörte für Bonhoeffer auch die historisch-kritische Sicht auf die Bibel. Letztlich aber blieben die verschiedenen Perspektiven auf die Sache doch Aspekte eines Ganzen. Es kam nur darauf an, dass jetzt Wichtige, das gerade in dieser Situation Konkrete und (von Gott) Gebotene (das „konkrete Gebot“) zu erfassen und mit der eigenen Tat wirklich werden zu lassen, zu beantworten.

Dietrich Bonhoeffers Konfirmationsbibel

Dietrich Bonhoeffers Konfirmationsbibel

Bonhoeffer war in der Bibel, im „Geist der Bibel“ (Karl Barth) zuhause wie in seiner Herkunftsfamilie. Er war im „Gespräch“ mit den biblischen Texten und durch die Texte hindurch mit Gott in Gottes Geist. Weniger sollten wir nicht annehmen. Vielfältige Unterstreichungen, Markierungen und einige Kommentare in Bonhoeffers Bibel, die er bis zum Oktober 1944 (fast) täglich benutzte, ehe er sie bei der Verlegung in das Gestapo-Gefängnis aus den Händen gab – wohl, um sie für später zu sichern – , legen nahe, dass stimmte, was er theoretisch ausgeführt hat und wozu er seine Predigtamtskandidaten anleitete: Durch die Heilige Schrift „spricht“ der lebendige Gott zum Menschen. Man muss Gott die Zeit einräumen, sich selbst hinhalten und zu hören bereit sein.

Zeitweilig gab es bei Bonhoeffer eine theologisch begründete Konkurrenz Bibel, Kirche, Nachfolge (als Beziehung mit Jesus Christus) versus Bildung, Familie, gemeinsames Leben (in der Beziehung mit Menschen), ein Muster, das manche als „biblizistisch“ bezeichnen würden. Bonhoeffer hat das am 21. Juli 1944 selbst erkannt. Er schrieb in einem Brief an Eberhard Bethge im Rückblick auf sein Leben von Gefahren, die für ihn in seiner Absicht gelegen hätten, sich selbst so etwas wie ein heiliges Leben verordnet zu haben. In der Stunde der völligen Hingabe an Gott, ohne Sicherheiten, erfuhr er, was es für ihn heißen sollte, sich mit allen Lebensäußerungen Gott in die Arme zu werfen. (DBW Bd. 8, 542).

Dr. Bernd Vogel

Zur weiteren Beschäftigung  mit theologischen und biographische Fragen zu Dietrich  Bonhoeffers empfohlen: Bernd Vogel: “Alle Angst vor der Zukunft überwunden …”  Mit Dietrich Bonhoeffer im Gespräch, Kohlhammer Verlag Stuttgart 2020. Auch Blog.Kohlhammer (Red.)

 

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