Natalia Rudolf: Ohne Titel, 100 cm x 100 cm, Mischtechnik 2019 ©Foto: S.Marklein

Ein Bild der Künstlerin Natalia Rudolf aus Munster.

Ein großer, runder Platz. Schräg von oben die Perspektive. Über die sandig-braunen Wege laufen Menschen, viele Menschen. Sie tragen farbige Gewänder, blau, rot, weiß, gelb. Sie kommen aus verschiedenen Richtungen, alle sind unterwegs.

Je genauer ich schaue, desto mehr erkenne ich, dass einige etwas tragen. Ist es ihr Hab und Gut? Ein paar Gegenstände erinnern mich an Papier- oder Schriftrollen. Auch sitzen einige Personen auf einem Esel oder einem anderen Lasttier. Ob sie reicher sind als die anderen? Ob sie es eilig haben? Oder ob sie krank sind?

Ein Schauspiel ist alles jedenfalls nicht, auch wenn einige Menschen dicht gedrängt stehen wie am Rande einer Arena. Immer wieder wird der – imaginäre – Kreis aufgebrochen, neu durchschritten. Unterwegssein und Bewegungen kommen nicht zum Stillstand.

Das Bild entstand im Mai 2019 in Hannover als „Live-Bild“ während eines  Vortrags von Prof. Dr. Gerd Theißen  zum Thema Der Römerbrief als Theologie in Bildern. Nicht ein einzelnes  theologisches Wort oder eine konkrete paulinische Metapher wird von Natalia Rudolf in ihrem Bild aufgegriffen. Für mich spiegelt sich in ihrem Bild das römisch-mediterrane Umfeld wider, in dem sich die religiösen und politischen Suchbewegungen von damals ebenso neu orientieren und (er-)finden müssen wie sie es heute tun müssen. Auch die christlichen Gemeinden des Paulus im ersten Jahrhundert waren gezwungen ihren Platz in dieser römischen Lebenswelt zu finden, ja sich dieser quirligen, rastlosen Gesellschaft zu empfehlen, wenn sie überleben wollten. Sie taten es u. a. mit einer geduldigen, der Nächstenliebe und einer Option für die Armen verpflichteten Lebenseinstellung.

Ursula von der Leyen hat bei ihrer Bewerbungsrede zur EU-Kommissionspräsidentin an die Bedeutung des römischen Rechts und die europäische Wertegemeinschaft  erinnert. In Europa  sind heute viele Menschen unterwegs. Viele Menschen machen uns manchmal Angst, ja Elias Canetti hat von der Unheimlichkeit der Masse gesprochen. Doch viele Menschen, so unterschiedlich sie sind,  können auch ein Wir-Gefühl wachsen lassen, Chancen eröffnen, Freude an neuen Begegnungen schenken.

Biblisches Denken ist immer ein angstfreies Denken. Es ist neugierig, ermutigt zum Brückenschlagen. Es setzt auf Werte, die Grenzen überwinden (Apg 16,9; Gal 3,28).

Unterwegssein sein in Europa, geerdet und offen, dem Nächsten verpflichtet, farbenfroh, in bunten Gewändern – gut, wenn wir uns in einem solchem Bild wiederfinden können!

Ich habe das Bild von Natalia Rudolf bisher gern Forum Romanum genannt. Haben Sie eigene  Einfälle oder Ideen?

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